Ich will euch eine Geschichte erzählen von einer Zeit der
Piraten und Strandräuber und was sich in diesem Wald zugetragen hat.
Es war eine stürmischer Wintertag. Die Sonne ging unter,
bald würde man die Hand vor Augen nicht mehr sehen. Weit draußen vor der
Küste, kamen weiße Segel näher. Durch das Fernrohr konnte man sehen, wie das
Schiff auf der aufgepeitschten See tanzte. Es würde, da es gegen den Wind
kreuzen musste, das Land nicht mehr vor Sonnenuntergang erreichen. Die Sicht
bei dem Regen, dem Sturm, der Gischt in der Luft und der Dunkelheit der Nacht
würde nur wenige hundert Meter sein. Die Menschen auf der Insel hatten ein paar
schwere Jahre hinter sich. Eine Sturmflut, die das Land verwüstete und Häuser
und Boote zerstörte. Der Fischfang kam zum Erliegen, die Ernte fiel aus und der
König verlangte weiterhin den Zehnt. Armut hatte sich über die Insel gelegt und
die Menschen hungerten. So entstand der Plan, ein Schiff aufzubringen, und der
Tag heute war ideal.
Nur eine Stunde später, die Nacht war rabenschwarz,
entzündeten sie das falsche Feuer. In sicherer Entfernung zum Ufer beobachteten
sie, wie die Wellen das Schiff auf das Ufer warfen. Balken ächzten und knacken.
Das Hauptsegel fiel unter dem Geräusch von berstendem Holz um wie ein
Streichholz, welches man zwischen den Fingern bricht. Die Besatzung schrie laut
um Hilfe, bis das Meer sie holte. Die Männer der Insel drehten sich zufrieden um
und gingen nach Hause. Morgen, wenn der Sturm sich gelegt hätte, würden sie
sich ihre Beute holen.
Am nächsten Morgen, die Sonne erhellte langsam den Himmel, zogen sie los. Auf der Düne hielten sie inne. Kein Schiff, keine Beute, hinter
dem Wald spiegelte sich nur der Schein der aufgehenden Sonne im Meer. Wald?
Gestern war hier noch kein Wald. Die Männer gingen langsam von der Düne
herunter und in den Wald hinein. Licht und Schatten malten unheimliche Bilder
auf den Boden. Auf einer Lichtung sahen sie viele hölzerne Truhen und
Fässer stehen und liegen. Die Gier erwachte. Sie rannten los, stemmten die
Truhen und Fässer auf. Sie waren reich. In den Truhen Gold und Edelsteine, in
den Fässern Seide und Gewürze. Sie schauten auf, als sie eine Stimme hörten, wie ein
Echo in einer Höhle das von allen Seiten wiederhallte.
>> Ihr habt Unrecht getan. Ihr habt uns arme Seelen
dem Meer und den Wellen geopfert, nur um euch zu bereichern. Euer Wunsch wird sich
erfüllen und der Schatz auf ewig euer sein. <<
Die Männer wurden kreidebleich und ihre Haare schlagartig
weiß. Sie waren umringt von durchscheinenden Gestalten, die auf sie schimpften
und sie tadelten. Sie wollten weglaufen, doch ihre Beine gehorchten ihnen
nicht. Sie blickten an sich herab. Ihre Füße bildeten große ausladende Wurzeln,
Beine und Körper wurden langsam zu einem hölzernen Stamm. Die Arme wurden zu
einem schützenden Geäst. Als letztes wuchs der Kopf hölzern in die Höhe und
schloss das Blätterdach.
Wenn ihr heute durch diesen Wald geht, dann hört genau hin.
Ihr könnt die Männer klagen hören, dem Schicksal, welches sie selbst
beschworen.
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